Die heilige Anna Schäffer kommt nach Pilsting

Rege war der Briefwechsel der Anna Schäffer von Mindelstetten mit ihrer Freundin Anna Bortenhauser, auch eine Mindelstettenerin, die in Pilsting als Pfarrhaushälterin wirkte. Vielleicht wäre die inzwischen Heilige gerne nach Pilsting zu Besuch gekommen. Was ihr zeitlebens aber wegen ihres Leidens nicht vergönnt war, das geschieht nun 2022, 97 Jahre nach ihrem Tod. Auf Bitte von Dekan Jürgen Josef Eckl hat Bischof Dr. Rudolf Voderholzer der Pfarrei Pilsting eine Reliquie der hl. Anna Schäffer übereignet. Diese wird am heute, Donnerstag, von Dekan Eckl in Regensburg in Empfang genommen und am Freitag und Samstag feierlich in der Pfarrkirche willkommen geheißen. „Die heilige Anna Schäffer vermittelte Gnade und Segen“, sagt Dekan Jürgen Josef Eckl dazu, „Anna Schäffer war eine Frau, die schon sehr früh Leid erfahren musste. Und trotzdem hat sie nicht resigniert, sondern ihr Leben an dem festgemacht, der sein Kreuz für uns nach Golgotha getragen hat.“

„Ich möchte, dass dieses Ereignis ein geistliches Geschehen für die ganze Pfarreiengemeinschaft ist. Deshalb wird es eine intensive Gebetszeit geben, auch vor dem Allerheiligsten, begleitet durch die Möglichkeit, das Bußsakrament zu empfangen“, so Pfarrer Eckl. Dazu findet am Freitag, den 28. Oktober um 19 Uhr eine feierliche Vesper in der Pfarrkirche Pilsting statt. Anschließend besteht die Gelegenheit, die Reliquie der Heiligen zu verehren. Während des Rosenkranzgebets nach der Vesper besteht zudem Beichtgelegenheit.

Am Samstag verbleibt die Reliquie den ganzen Tag über im Altarraum. Um 15 Uhr wird das Allerheiligste ausgesetzt und die Gläubigen sind zur eucharistischen Anbetung eingeladen. Nach der Beichtgelegenheit um 18.30 Uhr feiern die Gläubigen den Vorabendgottesdienst. Anschließend wird die Reliquie der heiligen Anna Schäffer in die Seitenkapelle übertragen, wo sie dauerhaft verbleiben wird.

„Der Bezug zu Pilsting ist natürlich gegeben durch die erwähnte Brieffreundschaft“, erklärt Dekan Jürgen Josef Eckl, „aber es gibt in unserer Pfarreiengemeinschaft viele Gläubige, die die hl. Anna Schäffer sehr in Ehren halten.“ Das große Bildnis von ihr, das seit 2018 in der Bruder-Konrad-Kapelle steht, ist immer liebevoll mit Blumen geschmückt. Vor einem Bild zu beten ist das eine; vor einer Reliquie das andere. „Mit der Reliquie ist die Heilige doch auf eine ganz besondere Weise anwesend. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen gerne hier beten und die hl. Anna Schäffer um ihre Fürsprache bitten“, unterstrich er.

Eine Reliquie ist ein „Überrest“ eines Heiligen. Es gibt verschiedene Arten oder Klassen von Reliquien. Berührungsreliquien, die nach dem Tod des Heiligen mit ihm in Berührung gekommen sind. Oder eben Reliquien erster Klasse, die unmittelbar vom Verstorbenen stammen; das sind meist Haare, Knochensplitter, Blut, Reste des Sargholzes. „In unserem Fall ist es ein Knochensplitter, deshalb steht auch auf dem kleinen Schriftzug im Reliquiar „ex ossibus S. Annae Schaeffer““, erklärt er. „Die Reliquie stellt einen besonderen Bezug zu einem Heiligen her; gleichzeitig ist aber Ehrfurcht und ein respektvoller Umgang damit geboten. Deshalb gibt es da auch gewisse Vorgaben und Abläufe. So muss zum Beispiel das „nihil obstat“ aus Rom erbeten werden.“

Reliquien werden oft nur mit „alten Zeiten“ in Verbindung gebracht, doch dem widerspricht Dekan Eckl. „Das ist keine Frage der Zeit“, meint er, „natürlich hat man, wenn man von Reliquien hört, meist die mittelalterliche und frühneuzeitliche Praxis vor Augen, wo das Ganze teils etwas seltsame Blüten trieb.“ Wichtig sei, dass daraus keine Art Kult wird. „Durch die Reliquie ist die Heilige präsent, weil die Reliquie den heiligen Menschen in seiner Leibhaftigkeit repräsentiert, aber im Letzten verweist jeder Heilige und jede Heilige ja auf Christus, in dessen Herrlichkeit er oder sie jetzt lebt.“ Und erst durch ihr Leben, in dem die Heiligen Christus nachgefolgt sind, seien sie Vorbild im Glauben. „Es spricht also nichts dagegen, sich durch eine Reliquie immer wieder an das vorbildhafte Leben eines Heiligen erinnern zu lassen. Der erste Platz gebührt aber selbstverständlich immer Christus.“

Die Heilige Anna Schäffer, am 18. Februar 1882 als Tochter einer Schreinerfamilie in Mindelstetten geboren, hegte den Wunsch als Missionsschwester in einen Orden einzutreten. An Dienststellen versuchte sie sich die notwendige Aussteuer zu verdienen. Am 4. Februar 1901 hatte sie als Magd einen schweren Arbeitsunfall im Forsthaus von Stammhamm bei Ingolstadt. Als sie ein Ofenrohr, das sich über dem Waschkessel aus der Wand gelöst hatte, wieder befestigen wollte, rutsche sie bis über die Knie in einen Kessel mit kochender Lauge. Anna Schäffer haderte jedoch nicht mir ihrem Schicksal, sondern nahm diese ungeheuren Schmerzen auf sich, als Nachfolgerin in den Leiden des Gekreuzigten sehend. Linderung empfand sie nur in den Momenten des täglichen Empfangs der heiligen Kommunion. Obwohl sie so sehr litt, wurde sie in Wort und Schrift zu Trösterin aller, die sich an sie wandten. Einen besonderen intensiven Briefkontakt pflegte sie mit ihrer besten Freundin Anna Bortenhauser, die ebenfalls aus Mindelstetten stammte, und in Pilsting Haushälterin bei Pfarrer Weber war. Briefkontakt soll sie auch zu Anna Plendl und einer weiteren Frau aus Pilsting gehabt haben. Am Morgen des 5. Oktober 1925 empfing sie zum letzten Mal die Kommunion, bevor sie in den Abendstunden verstarb. Am 8. Oktober 1925 wurde sie unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof von Mindelstetten beigesetzt, 1972 ihre Gebeine vom Friedhof in die Pfarrkirche übertragen. 1999 war sie seliggesprochen worden, am 21. Oktober 2012 von Papst Benedikt XVI. heilig.

Am Freitag und Samstag wurde die Reliquie der Hl. Anna Schäffer in Pilsting in Empfang genommen. „Im Leiden habe ich Dich, Jesus, lieben gelernt“, hat sie, die viele Brieffreundschaft gepflegt hat – auch nach Pilsting – einst geschrieben. Am Freitag nach der feierlichen Vesper bestand die Möglichkeit die Reliquie der Heiligen zu verehren. Am Samstag verblieb die Reliquie den ganzen Tag über im Altarraum, am frühen Nachmittag wurde das Allerheiligste zur eucharistischen Anbetung ausgesetzt. Nach dem Vorabendgottesdienst wurde die Reliquie in die Seitenkapelle zur Schmerzhaften Gottesmutter übertragen, wo sie dauerhaft ihren Platz haben soll.
„Wie geht eine Frau wie Anna Schäffer mit einem solchen Schicksal um?“, fragte Dekan Jürgen Josef Eckl in seiner Predigt, „schon in jungen Jahren mit einer persönlichen Katastrophe, mit ihrem schweren Unfall konfrontiert zu sein – wohl wissend, dass es keine Aussicht auf Heilung gibt.“ Sie war ans Bett gebunden, erzählte Dekan Eckl, lebte in bitterer Armut. „Was da noch half war die Sorge ihrer Pfarrgemeinde“, sagte er. Sie war nicht allein, viele suchten sie auf, als sie sahen wie sie mit ihrem Schicksal umgeht. Sie lernte ihr Leiden zu deuten. „Mit anderen Worten: sie gab ihrem Leiden einen Sinn und aus diesem Sinn heraus schöpfte sie neue Kraft. Leicht fiel ihr das sicher trotzdem nicht.“ In ihrer Verletzlichkeit machte sie die Erfahrung immer wieder Stärke zu schöpfen aus dem Gebet, dem Sakrament der Beichte und im Empfang der heiligen Kommunion. „Ihr Geheimnis war ihre persönliche Christus-Beziehung, mit der sie uns bis heute zeigt: wer Jesus liebt, der lernt sein Leben mit zu gestalten, der erfährt Kraft und Halt, auch in aller Haltlosigkeit und Aussichtslosigkeit und Ausweglosigkeit“, sagte er und fuhr fort: „Der erfährt ein Aufgehoben-Sein und eine Stärke, die über die Eigene weit hinaus geht.“

(Text und Fotos: S. Melis)

 

 

 

 

 

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